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Anregende Telefonbücher

08.10.09
Handyromane. Nie gehört? In Japan finden Handyromane reissenden Absatz. Autorinnnen und Autoren tippen ihre Bücher ins Natel, und zwar überall und rund um die Uhr. Ein neuer Trend aus Asien, der sich jetzt auch in Europa bemerkbar macht.

Die Buchwelt diskutierte an der letztjährigen Buchmesse in Frankfurt nur über ein Thema: Kindle, E-Book, Digitalisierung – unsichtbare Einser und Nullen statt schwarzer Druckbuchstaben. Das, was die traditionelle Verlagsbranche auf der Messe als düstere Zukunft ansah, entlockte bei japanischen Branchenvertretern bestenfalls ein müdes Lächeln. Japanische Branchenexperten weisen darauf hin, dass der E-Book-Reader von Sony vom japanischen Markt zurückgezogen wurde, da zu klobig und zu unhandlich. Mobiltelefone erweisen sich als viel praktischer.
Grenzenloses Lesen

In Japan lesen Jugendliche vor allem Handy-Romane, sagen japanische Branchenkenner. Das Geschäftsmodell ist einfach: Telekomanbieter haben Klassiker im Sortiment, nehmen aber auch junge Schriftsteller unter Vertrag. Die Entwicklung des Geschäftsmodells wird von eben dieser jungen Generation in Japan vorangetrieben. Mit ihrem Mobiltelefon wollen sie keineswegs nur Musik hören, Videos angucken und E-Mails austauschen, sie wollen auch lesen, und zwar Bücher oder was ihre Eltern einmal so nannten. Dass hier einige Millionen Kunden darauf warten, mit diesen Handyromanen bedient zu werden, ist den grossen japanischen Verlagen nicht entgangen. Schrittweise machen sie ihr gesamtes Angebot online abrufbar.

Die Verlage in Japan haben das Potential erkannt

Das Verlagsunternehmen Shinchosha, immerhin seit über 100 Jahren im Markt, erkannte sehr früh das Potential und konnte bereits 2007 dank seiner 30000 Subskribenten im Online-Bereich schwarze Zahlen publizieren. Kadokawa Digix hat sich mit anderen Verlagen zusammengetan und bietet zum Pauschalpreis von 315 Yen, umgerechnet zirka 3.50 Franken, monatlich "Lesestoff zum Flateratetarif an. Hinzu kommen die von den Telefonfirmen erhobenen Gebühren fürs Herunterladen, die zwischen 100 und 500 Yen (zwischen ca.1.25 Franken - 5.60 Franken) pro Buch variieren. 200000 Zugriffe täglich bestätigen die Richtigkeit des Konzepts.

Der Natelschriftsteller

Überraschend für die Verlage war die Wirkung des interaktiven Charakters des Mediums.
Das Mobiltelefon ist da ein neues Werkzeug. Der vorbehaltlose Gebrauch des Handys hat mit einer anderen japanischen Eigenheit zu tun, der enthusiastischen Technikfreundlichkeit! Die Sorge, zu abhängig von der Technik zu werden, plagt die Japaner nicht. Jedes neue Spielzeug muss ausprobiert werden, wenn es nichts taugt, wandert es in den Müll. Ein Telefon zum Lesen und Schreiben, warum nicht! Welche neuen Möglichkeiten sich damit eröffnen, erfährt man nur, wenn man es selber ausprobiert.

Wer auf seinem Mobiltelefon E-Mails empfängt, verschickt auch solche, und wer darauf Romane liest, der schreibt auch welche. Das Medium hat den Natelschriftsteller hervorgebracht. Den Anfang machte vor sechs Jahren der Schriftsteller Yoshi, der einen Roman als Blog veröffentlichte.

Seither sind viele Leute in Japan seinem Beispiel gefolgt. Im letzten Jahr hat die "magische Bücherei", unterstützt vom Telekomunternehmen NTT DoCoMo den weltweit ersten Preis für den besten Mobiltelefonroman verliehen, rund 2400 Eingaben zeugen von einem grossem Interesse. Mit dem Sonderpreis wurde eine Katastrophengeschichte ausgezeichnet, die die letzten 24 Stunden auf unserer Erde beschreibt.

Erfolgsdruck?

Schriftsteller, Buchhändler und Bibliothekare in Europa mögen über diese Art Literatur die Nase rümpfen, lernen aber von ihr aber auch das Fürchten. Sie hat etwas Unmittelbares, Naives, scheinbar Kunstloses, was aber offensichtlich gerade bei den jungen Nutzern verfängt und zum Lesen reizt. Warum aber ist dieser Boom gerade in Japan so ausgeprägt? Ist das auch eine Literaturform, die in Europa Verbreitung finden wird?

Der grosse kommerzielle Durchbruch steht in Europa noch aus, doch gibt es auch in Europa
Handyromane. Die Romane können, müssen aber nicht mit dem Handy geschrieben werden. Die technischen Beschränkungen - etwa die Größe des Displays - können bestimmte literarische Formen entstehen lassen. So sind kurze, einfache Sätze typisch für das Genre. Dialoge werden eher vermieden oder bestehen aus kurzen Sätzen. Die Geschichten sind sehr temporeich und pointiert geschrieben. Handyromane sind also nicht nur einfach eine weitere Form von E-Books, sondern ein eigenes Genre.

Oliver Bendel, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel und selbst Autor von Handyromanen in einem auf Handyromane spezialisierten Wiener Verlag, sagt im Gespräch dazu: „Natürlich hat Japan bestimmte technische, mediale und kulturelle Voraussetzungen, die die Verbreitung der Handyromane fördern. Aber es wird auch in Europa immer mehr genuine Handyromane geben. Also nicht nur Kafkas „Verwandlung“ für unterwegs, sondern richtige Unterwegs- und Verbrauchsliteratur, echte Handyromane. Gleichzeitig wird die Industrie versuchen, Lesegeräte wie den Kindle durchzusetzen. Die Medien helfen ihr fleissig dabei. Ich bin aber der Meinung, dass ein modernes Handy das ideale Lesegerät ist. Und E-Book-Reader fördern kein eigenes Genre, sondern bilden alle – vor allem alte – Formen von Literatur ab“.
„An einem eigenen Genre dürften in den deutschsprachigen Ländern junge oder randseitige Autoren interessiert sein.“,führt Oliver Bendel im Gespräch weiter aus. „Man kann alleine arbeiten oder sich zu Schreibwerkstätten zusammenschliessen. Es muss keine Entwicklung wie bei den Groschenromanen stattfinden, die stark schematisch sind und allenfalls durch den kreativen Überbau eines einzelnen Erfinders zusammengehalten werden. Die Investitionskosten sind bei Handyromanen niedriger, und deshalb haben auch aussergewöhnliche Texte eine Chance. Ich hoffe nicht, dass man zu schnell das Web 2.0 mit der Handyliteratur zusammenbringen wird. Die meisten jungen Schreibenden überschätzen sich stark. Aber manche von ihnen sind hochtalentiert und würden es dennoch nie in normale Verlage schaffen. Diese Talente muss man entdecken und fördern."

In der Schweiz klingt das alles noch wie Zukunftsmusik. Eins macht das japanische Beispiel deutlich: Der Handyroman braucht den dortigen Buchhandel und das dort existierende Bibliothekennetz nicht notwendigerweise zu seiner Verbreitung.

Stephan Holländer

Weiterführende Link:
http://de.wikipedia.org/wiki/Handyroman


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