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Keep Smiling – Wie Bibliotheken und Informationszentren den Herausforderungen der digitalen Gesellschaft begegnen

01.09.08
Rund 70 Personen aus der schweizerischen Bibliotheks- und Dokumentationslandschaft versammelten sich am 28. August in Bern zur jährlichen Fachtagung des neuen Verbandes Bibliothek Information Schweiz (BIS). Das strahlend schöne Spätsommerwetter sorgte für warme Temperaturen im Kuppelraum der Universität Bern, die Vorträge und Diskussionen blieben derweil am Boden der Tatsachen.

Was wir schon immer über die Google-Generation wissen (wollten) Urs Naegeli legte mit seinem Referat zum Informationsverhalten der heutigen Gesellschaft den Grundstein für die weiteren Referate. Anhand aktueller Studien zeigte er auf, dass viele Behauptungen über die heutige Informationsgesellschaft Mythen sind: Die sogenannte Google-Generation, Jugendliche geboren anfangs 90er Jahre, unterscheidet sich gar nicht gross von älteren Generationen: Sie verfügt weder über bessere noch schlechtere Informationskompetenz und ist technisch nicht versierter. Sie ist zwar schnell in der Suche, es fehlt ihr jedoch die Fähigkeit Informationen zu selektieren und zu bewerten. Als wichtiger Punkt hält die Studie fest, dass Informationssuchenden oft nicht bewusst ist, dass sie grosse Kompetenzlücken haben und der Transfer von Lehrpersonen zu Schülern nur ungenügend stattfindet. Die Untersuchungsergebnisse münden in eine Reihe von Empfehlungen, aus denen Urs Naegeli schliesslich eigene Thesen ableitete: Die Vermittlung und Förderung von Informationskompetenz muss auf allen Ebenen greifen, vom Alltag über die Grundschule, zur Hochschule bis hin ins Arbeitsleben. Bibliotheken spielen hier zweifellos eine Schlüsselrolle und sind einmal mehr gefordert sich zu positionieren: Bibliotheksbestände sollen in Suchmaschinen nachweisbar sein, Bibliothekssysteme müssen intuitiv bedienbar sein, Dienstleistungen sind zu vereinfachen – und schliesslich sollen Bibliotheken „sexy“ werden, damit sie wie Google zum Life Style der heutigen Jugendlichen passen.

Der kulturelle Mehrwert von Bibliotheken
Wie sich eine Bibliothek aber als Marke verkaufen lässt, ist keine einfach zu beantwortende Frage. Robert Barth schilderte in seinem Referat die Problematik, Kosten und Wert von Bibliotheken zu messen. Wie andere kulturelle Institutionen wie Theater oder Oper haben Bibliotheken einen gesellschaftlichen Mehrwert, der bei einer Kostenrechnung mitberücksichtigt werden muss: Wie viel ist ein Bibliotheksbenutzer bereit für das Weiterbestehen einer Dienstleistung zu bezahlen? Zu welchem Preis wäre ein Benutzer bereit, seinen Bibliotheksausweis zu verkaufen, wenn er ihn nie mehr bekommen könnte? Und wie lässt sich schliesslich der finanzielle Wert berechnen, den eine Bibliothek zur Wirtschaft eines Landes beiträgt? Robert Barth fordert für die Schweiz entsprechende Indikatoren, Standardisierungen und Qualitätsinstrumente, die sich aus Studien im Ausland ableiten lassen und durch die schweizerischen Berufsverbände schliesslich propagiert werden sollen.

Was ist Voraussetzung für Qualität in Bibliotheken und woran erkennt man Qualität? Das Qualitätsinstrument „Ausgezeichnete Bibliothek!“, das die Hochschule der Medien in Stuttgart unter der Leitung von Cornelia Vonhof entwickelt, stellt die Mitarbeitenden in den Mittelpunkt. Hohe Motivation und Qualifikation sind Voraussetzung für erfolgreiches Qualitätsmanagement und die Selbstbewertung stellt im Prozess einen wichtigen Teil dar. Dass Qualitätsmessung mit hohem zeitlichem und finanziellem Aufwand verbunden sein kann, lässt sich nicht bestreiten. Das Instrument der Hochschule für Medien wird bewusst auch für kleinere Bibliotheken zwischen drei und 20 Angestellten entwickelt. Der Projektablauf wird den personellen Ressourcen angepasst.

Qualitätsmanagement setzt beim Personal eine hohe Veränderungsbereitschaft voraus. Auch im bibliothekarischen Umfeld ist es nicht immer einfach, Mitarbeitende für betriebswirtschaftlich bedingte Umgestaltungen zu gewinnen. Dass eine Wirtschaftlichskeits- und Prozessanalyse durchaus erfolgreich durchgeführt werden und gar die Bibliothek vor dem Sterben bewahren kann, zeigte Rüdiger Buchkremer anhand der Fallstudie einer Unternehmensbibliothek. Nach 45 Minuten Betriebswirtschaft mit vielen Zahlen und Berechnungen war die Zuhörerschaft wohl ziemlich erschlagen und hungrig, so dass vor dem Mittagessen keine Diskussion mehr in Gang kam. Umso mehr wurde aber beim Stehlunch debattiert und die Zeit genutzt, bekannte Gesichter zu begrüssen oder draussen im Sonnenschein den Kaffee zu geniessen.

„Go where the user is“
Mit den Vorträgen am Nachmittag wurden drei konkrete Beispiele aufgezeigt, wie Bibliotheken sich den Herausforderungen der Informationsgesellschaft stellen. John Jax von der Universität in Wisconsin betonte, dass sich eine Hochschulbibliothek klar positionieren muss. Die Bibliothek soll dabei nicht nur Bücherausleihe und Computerraum sein, sondern Aufenthaltsort, der alle Bedürfnisse der Studierenden deckt. Dazu gehören Lernräume, Kursangebote, gute Multimediaausstattungen, Ausstellungen und ein Café. Wichtig dabei sind einheitliches Design, der Wiedererkennungseffekt, ausgeklügelte Dienstleistungen auf der Bibliothekswebseite und schliesslich auch experimentierfreudiges Personal.

Dass Bibliotheksangestellte der Idea Stores in London nach ihrem Lächeln ausgesucht werden, ist für Informationsfachleute wohl eher unverständlich. Isabel Walther besuchte vor zwei Jahren die Idea Stores in London. Das erfolgreiche neue Bibliothekskonzept richtet sich direkt nach den Bedürfnissen der Bevölkerung. Die Idea Stores sind traditionelle Bibliothek, Lern- und Freizeitort zugleich. Im sozial schwächeren Londoner East End mit niedrigem Bildungsniveau stösst das Konzept auf Anklang und die Besucherzahlen konnten gegenüber den früheren traditionell geführten öffentlichen Bibliotheken gar verdoppelt werden. Ausgerichtet wie ein Kaufhaus besteht die Hauptaufgabe im direkten Kundenkontakt durch Floorwalking. Der soziale Aspekt steht bei der Auskunft im Vordergrund, klassische Bibliotheksarbeiten wie Katalogisieren werden von einer Zentralstelle verrichtet. Ob das Konzept auch für die Schweiz taugen würde, blieb offen. Isabel Walther betonte ausserdem, dass es sich eigentlich nicht um ein neues Konzept handelt, sondern um eine Kombination verschiedener Elemente. Wichtig bleibt die Ausrichtung auf die Benutzergruppen. Dass die Pestalozzi-Bibliothek in Zürich mit Sihlcity als erste öffentliche Bibliothek einen Standort in einem grossen Einkaufszentrum bezogen hat, erinnert an das Konzept der Idea Stores.


„Swiss Learning Cheese“
Das letzte Referat führte uns schliesslich zurück in die Schweiz. David Aymonin stellte in seiner Funktion als Bibliotheksleiter das gross angelegte Neubauprojekt der Bibliothek der EPFL in Lausanne vor. Das von Rolex gesponserte Rolex Learning Center ist weit mehr als nur hybride Bibliothek: Das Learning Center ist Biosphäre für Studierende und bietet neben Lernplätzen ein Café und Restaurant, ist Kultur- und Kongresszentrum und hat unterirdisch ein Parkhaus. Das architektonisch ausgeklügelte Werk sieht von oben betrachtet wie ein Emmentaler Käse aus und positioniert sich bewusst als Herz der Campuslandschaft. Auf die Eröffnung 2010 darf man gespannt sein.

Multitasking Libraries
Durch alle Referate hindurch zeigte sich, dass Bibliotheken sich klar positionieren müssen. Einerseits geschieht dies durch Qualitätsmanagement und Kosten-Nutzen-Messungen. Andererseits müssen die Angebote und Dienstleistungen konsequenter auf Benutzergruppen ausgerichtet werden. Die Bibliothek muss sich verkaufen, das verstaubte Image soll verschwinden. In der Schlussdiskussion griff der Moderator, Hubert Villard, diesen Faden auf und fragte nach der Wirkung von Begriffen wie „Learning Center“, „Mediothek“ oder gar „Idea Stores“ anstelle von Bibliothek. Das Plenum war sich einig, dass nur eine Namensänderung kaum eine Imageänderung bewirkt. Das Erscheinungsbild von Bibliotheken verändert sich mit dem positiven Bild der jeweiligen Benutzergruppe, und es ist in erster Linie Aufgabe der Fachleute, ein solches zu vermitteln. Daran anschliessend tauchte die Frage nach dem Anforderungsprofil von Bibliotheksmitarbeitenden auf. Fachleute der Informationsgesellschaft müssen Informations- und Kommunikationstechnologien beherrschen und informationskompetent sein, betriebswirtschaftliches Know-how mitbringen, traditionelles Fachwissen besitzen und alltägliche Bibliotheksarbeiten ausführen, didaktische Fähigkeiten zeigen und zu guter Letzt stets freundlich lächeln können. Deswegen sind die Fachhochschulausbildungen bewusst breit angelegt – gefordert werden aber zunehmend massgeschneiderte Weiterbildungen für Informationsfachleute, die sie dabei untersützen, den Herausforderungen zu begegnen.

Wurden die Fragen beantwortet? Gab es neue Erkenntnisse? „Im Westen nicht unbedingt wahnsinnig viel Neues“ - um es mit den Worten von Urs Naegeli auszudrücken. Viele Diskussionspunkte und Fragen wurden auch schon an vergangenen Fachtagungen angesprochen. Antworten geben Studien und die zahlreichen Projekte, die konkrete Beispiele dafür liefern, wie Bibliotheken und Informationszentren sich den wachsenden Herausforderungen immer wieder von neuem stellen. Eine Tatsache, die für alle Informationsberufe zentral ist und den Beruf schliesslich auch so spannend und vielfältig macht. Auch wenn am Ende dieser Fachtagung viele Fragen offen blieben, sind wir nicht frustriert, sondern freuen uns auf die nächste Fachtagung mit neuen Antworten und spannenden Begegnungen mit Fachkolleginnen und Kollegen.

Bericht zur Fachtagung vom 28.8.2008
Nadja Böller, Redaktion arbido, HTW Chur

Alle Präsentationen sind auf der Verbandswebseite verfügbar: www.bis.info


 

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