Rund 70 Personen aus der schweizerischen Bibliotheks- und Dokumentationslandschaft versammelten sich am 28. August in Bern zur jährlichen Fachtagung des neuen Verbandes Bibliothek Information Schweiz (BIS). Das strahlend schöne Spätsommerwetter sorgte für warme Temperaturen im Kuppelraum der Universität Bern, die Vorträge und Diskussionen blieben derweil am Boden der Tatsachen.
Was wir schon immer über die Google-Generation wissen (wollten) Urs
Naegeli legte mit seinem Referat zum Informationsverhalten der heutigen
Gesellschaft den Grundstein für die weiteren Referate. Anhand aktueller
Studien zeigte er auf, dass viele Behauptungen über die heutige
Informationsgesellschaft Mythen sind: Die sogenannte Google-Generation,
Jugendliche geboren anfangs 90er Jahre, unterscheidet sich gar nicht
gross von älteren Generationen: Sie verfügt weder über bessere noch
schlechtere Informationskompetenz und ist technisch nicht versierter.
Sie ist zwar schnell in der Suche, es fehlt ihr jedoch die Fähigkeit
Informationen zu selektieren und zu bewerten. Als wichtiger Punkt hält
die Studie fest, dass Informationssuchenden oft nicht bewusst ist, dass
sie grosse Kompetenzlücken haben und der Transfer von Lehrpersonen zu
Schülern nur ungenügend stattfindet. Die Untersuchungsergebnisse münden
in eine Reihe von Empfehlungen, aus denen Urs Naegeli schliesslich
eigene Thesen ableitete: Die Vermittlung und Förderung von
Informationskompetenz muss auf allen Ebenen greifen, vom Alltag über
die Grundschule, zur Hochschule bis hin ins Arbeitsleben. Bibliotheken
spielen hier zweifellos eine Schlüsselrolle und sind einmal mehr
gefordert sich zu positionieren: Bibliotheksbestände sollen in
Suchmaschinen nachweisbar sein, Bibliothekssysteme müssen intuitiv
bedienbar sein, Dienstleistungen sind zu vereinfachen – und
schliesslich sollen Bibliotheken „sexy“ werden, damit sie wie Google
zum Life Style der heutigen Jugendlichen passen.
Der kulturelle Mehrwert von Bibliotheken
Wie
sich eine Bibliothek aber als Marke verkaufen lässt, ist keine einfach
zu beantwortende Frage. Robert Barth schilderte in seinem Referat die
Problematik, Kosten und Wert von Bibliotheken zu messen. Wie andere
kulturelle Institutionen wie Theater oder Oper haben Bibliotheken einen
gesellschaftlichen Mehrwert, der bei einer Kostenrechnung
mitberücksichtigt werden muss: Wie viel ist ein Bibliotheksbenutzer
bereit für das Weiterbestehen einer Dienstleistung zu bezahlen? Zu
welchem Preis wäre ein Benutzer bereit, seinen Bibliotheksausweis zu
verkaufen, wenn er ihn nie mehr bekommen könnte? Und wie lässt sich
schliesslich der finanzielle Wert berechnen, den eine Bibliothek zur
Wirtschaft eines Landes beiträgt? Robert Barth fordert für die Schweiz
entsprechende Indikatoren, Standardisierungen und Qualitätsinstrumente,
die sich aus Studien im Ausland ableiten lassen und durch die
schweizerischen Berufsverbände schliesslich propagiert werden sollen.
Was
ist Voraussetzung für Qualität in Bibliotheken und woran erkennt man
Qualität? Das Qualitätsinstrument „Ausgezeichnete Bibliothek!“, das die
Hochschule der Medien in Stuttgart unter der Leitung von Cornelia
Vonhof entwickelt, stellt die Mitarbeitenden in den Mittelpunkt. Hohe
Motivation und Qualifikation sind Voraussetzung für erfolgreiches
Qualitätsmanagement und die Selbstbewertung stellt im Prozess einen
wichtigen Teil dar. Dass Qualitätsmessung mit hohem zeitlichem und
finanziellem Aufwand verbunden sein kann, lässt sich nicht bestreiten.
Das Instrument der Hochschule für Medien wird bewusst auch für kleinere
Bibliotheken zwischen drei und 20 Angestellten entwickelt. Der
Projektablauf wird den personellen Ressourcen angepasst.
Qualitätsmanagement
setzt beim Personal eine hohe Veränderungsbereitschaft voraus. Auch im
bibliothekarischen Umfeld ist es nicht immer einfach, Mitarbeitende für
betriebswirtschaftlich bedingte Umgestaltungen zu gewinnen. Dass eine
Wirtschaftlichskeits- und Prozessanalyse durchaus erfolgreich
durchgeführt werden und gar die Bibliothek vor dem Sterben bewahren
kann, zeigte Rüdiger Buchkremer anhand der Fallstudie einer
Unternehmensbibliothek. Nach 45 Minuten Betriebswirtschaft mit vielen
Zahlen und Berechnungen war die Zuhörerschaft wohl ziemlich erschlagen
und hungrig, so dass vor dem Mittagessen keine Diskussion mehr in Gang
kam. Umso mehr wurde aber beim Stehlunch debattiert und die Zeit
genutzt, bekannte Gesichter zu begrüssen oder draussen im Sonnenschein
den Kaffee zu geniessen.
„Go where the user is“
Mit den
Vorträgen am Nachmittag wurden drei konkrete Beispiele aufgezeigt, wie
Bibliotheken sich den Herausforderungen der Informationsgesellschaft
stellen. John Jax von der Universität in Wisconsin betonte, dass sich
eine Hochschulbibliothek klar positionieren muss. Die Bibliothek soll
dabei nicht nur Bücherausleihe und Computerraum sein, sondern
Aufenthaltsort, der alle Bedürfnisse der Studierenden deckt. Dazu
gehören Lernräume, Kursangebote, gute Multimediaausstattungen,
Ausstellungen und ein Café. Wichtig dabei sind einheitliches Design,
der Wiedererkennungseffekt, ausgeklügelte Dienstleistungen auf der
Bibliothekswebseite und schliesslich auch experimentierfreudiges
Personal.
Dass Bibliotheksangestellte der Idea Stores in
London nach ihrem Lächeln ausgesucht werden, ist für
Informationsfachleute wohl eher unverständlich. Isabel Walther besuchte
vor zwei Jahren die Idea Stores in London. Das erfolgreiche neue
Bibliothekskonzept richtet sich direkt nach den Bedürfnissen der
Bevölkerung. Die Idea Stores sind traditionelle Bibliothek, Lern- und
Freizeitort zugleich. Im sozial schwächeren Londoner East End mit
niedrigem Bildungsniveau stösst das Konzept auf Anklang und die
Besucherzahlen konnten gegenüber den früheren traditionell geführten
öffentlichen Bibliotheken gar verdoppelt werden. Ausgerichtet wie ein
Kaufhaus besteht die Hauptaufgabe im direkten Kundenkontakt durch
Floorwalking. Der soziale Aspekt steht bei der Auskunft im Vordergrund,
klassische Bibliotheksarbeiten wie Katalogisieren werden von einer
Zentralstelle verrichtet. Ob das Konzept auch für die Schweiz taugen
würde, blieb offen. Isabel Walther betonte ausserdem, dass es sich
eigentlich nicht um ein neues Konzept handelt, sondern um eine
Kombination verschiedener Elemente. Wichtig bleibt die Ausrichtung auf
die Benutzergruppen. Dass die Pestalozzi-Bibliothek in Zürich mit
Sihlcity als erste öffentliche Bibliothek einen Standort in einem
grossen Einkaufszentrum bezogen hat, erinnert an das Konzept der Idea
Stores.
„Swiss Learning Cheese“
Das letzte Referat
führte uns schliesslich zurück in die Schweiz. David Aymonin stellte in
seiner Funktion als Bibliotheksleiter das gross angelegte Neubauprojekt
der Bibliothek der EPFL in Lausanne vor. Das von Rolex gesponserte
Rolex Learning Center ist weit mehr als nur hybride Bibliothek: Das
Learning Center ist Biosphäre für Studierende und bietet neben
Lernplätzen ein Café und Restaurant, ist Kultur- und Kongresszentrum
und hat unterirdisch ein Parkhaus. Das architektonisch ausgeklügelte
Werk sieht von oben betrachtet wie ein Emmentaler Käse aus und
positioniert sich bewusst als Herz der Campuslandschaft. Auf die
Eröffnung 2010 darf man gespannt sein.
Multitasking Libraries
Durch
alle Referate hindurch zeigte sich, dass Bibliotheken sich klar
positionieren müssen. Einerseits geschieht dies durch
Qualitätsmanagement und Kosten-Nutzen-Messungen. Andererseits müssen
die Angebote und Dienstleistungen konsequenter auf Benutzergruppen
ausgerichtet werden. Die Bibliothek muss sich verkaufen, das verstaubte
Image soll verschwinden. In der Schlussdiskussion griff der Moderator,
Hubert Villard, diesen Faden auf und fragte nach der Wirkung von
Begriffen wie „Learning Center“, „Mediothek“ oder gar „Idea Stores“
anstelle von Bibliothek. Das Plenum war sich einig, dass nur eine
Namensänderung kaum eine Imageänderung bewirkt. Das Erscheinungsbild
von Bibliotheken verändert sich mit dem positiven Bild der jeweiligen
Benutzergruppe, und es ist in erster Linie Aufgabe der Fachleute, ein
solches zu vermitteln. Daran anschliessend tauchte die Frage nach dem
Anforderungsprofil von Bibliotheksmitarbeitenden auf. Fachleute der
Informationsgesellschaft müssen Informations- und
Kommunikationstechnologien beherrschen und informationskompetent sein,
betriebswirtschaftliches Know-how mitbringen, traditionelles Fachwissen
besitzen und alltägliche Bibliotheksarbeiten ausführen, didaktische
Fähigkeiten zeigen und zu guter Letzt stets freundlich lächeln können.
Deswegen sind die Fachhochschulausbildungen bewusst breit angelegt –
gefordert werden aber zunehmend massgeschneiderte Weiterbildungen für
Informationsfachleute, die sie dabei untersützen, den Herausforderungen
zu begegnen.
Wurden die Fragen beantwortet? Gab es neue
Erkenntnisse? „Im Westen nicht unbedingt wahnsinnig viel Neues“ - um es
mit den Worten von Urs Naegeli auszudrücken. Viele Diskussionspunkte
und Fragen wurden auch schon an vergangenen Fachtagungen angesprochen.
Antworten geben Studien und die zahlreichen Projekte, die konkrete
Beispiele dafür liefern, wie Bibliotheken und Informationszentren sich
den wachsenden Herausforderungen immer wieder von neuem stellen. Eine
Tatsache, die für alle Informationsberufe zentral ist und den Beruf
schliesslich auch so spannend und vielfältig macht. Auch wenn am Ende
dieser Fachtagung viele Fragen offen blieben, sind wir nicht
frustriert, sondern freuen uns auf die nächste Fachtagung mit neuen
Antworten und spannenden Begegnungen mit Fachkolleginnen und Kollegen.